HOPE – Basics und Ballastabwurf
Andrea sitzt in Yaquelines Gehege und krault die Maus unterm Kinn, während Claudia die Hündin ununterbrochen lobt und das Ganze filmt. Nichts besonders? Oh doch, und ob!! Es ist ein großer Durchbruch, denn Yaqueline trägt zum ersten Mal ein Halsband, seit sie bei uns ist. Und zwar OHNE PANIKANFALL! Unser Mädchen leidet an einem Schlingentrauma, das sie im Canile und bevor sie zu uns nach HOPE gebracht wurde, durchlitten hat. In den Canili werden Hunde (meist von Männern) auf diese Weise umgesetzt oder in eine Transportbox verfrachtet. Yaqueline hatte bei Ankunft in unserer Auffangstation Todesangst vor Männern und jede Manipulation an ihrem Hals war undenkbar.
Jeden Tag haben Andrea und Claudia mit ihr gearbeitet. Inzwischen vertraut sie beiden und genießt die Zuwendung. Das erlaubt die nächste Aufgabe: Die behutsame Gewöhnung an ein Halsband. Es gibt vieles, das „ausradiert“ werden muss. Schrittchen für Schrittchen. Wir sind so stolz auf Yaqueline! Als nächstes wird sie lernen, ein Geschirr zu (er)tragen und auch das Gefühl des Zugs, das an der Kombination Leine/Geschirr beim Laufen entstehen kann. Dies muss kleinschrittig erfolgen, jeden Tag 10-15 Minuten, mit sehr viel Lob und ebenso viel Ruhe. Positive Verknüpfungen und Erfolge sind das A und O.
Das betrifft nicht nur Yaqueline, sondern viele Hopies. Denn sie kennen nichts, aber auch GAR NICHTS POSITIVES! Was sie mitbringen, sind stattdessen oft Traumata:
Warum?
Nun, im Canile dürfen die Hunde sich nicht in der Nähe der Tür befinden, wenn jemand das Gehege betritt. Deshalb schlägt man ihnen gern gleich beim Hineingehen mit dem Futternapf oder einem Gartenschlauch auf den Kopf. Damit sie das nächste Mal Bescheid wissen… Das Futter wird in 1-2 großen Schüsseln (wenn überhaupt) für die 4-5 Hunde eines Geheges ausgeteilt. Ranghöhere Tiere fressen sich satt, die anderen bekommen die Reste oder werden gemobbt und gehen leer aus. Futter ist eine Ressource, die entweder hart umkämpft wird oder die man heimlich nachts, wenn keine bedrohlichen Mitarbeiter da sind, hinunterschlingt. Falls dann noch etwas da ist. Das ist der Fall, wenn das Futter lose in einem Schwung ins Gehege geworfen wird und in jede Ecke rollt. Nicht alle Canili haben Futterschüsseln, weil niemand ein paar hundert Näpfe spülen möchte. Es ist ein täglicher, zermürbender Kampf um die eigene körperliche Unversehrtheit. Ums pure Überleben des harten Canile-Alltags. Für anderes bleibt selten Raum…
Odino und Sorso lernen gerade, ein Geschirr zu tragen. Ein merkwürdiges Gefühl, an das sie sich erst gewöhnen müssen. Huch, wie geht man denn an einer Leine spazieren? Sie spüren den leichten Zug am Geschirr, wenn sie mal zu schnell voran stürmen. Auch das will geübt werden! Wie gesagt: Nicht stundenlang, sondern 10-15 Minuten, aber dafür regelmäßig.
SPIELEN? Sorso hatte noch nie davon gehört, denn im Canile gab es das nicht. Er war völlig überfordert, als Odino (der schon länger bei uns ist) ihn fröhlich anspielte und zog sich zurück. Auch Unbeschwertheit und das lockere Interagieren mit Artgenossen, toben etc. IST ein Lernprozess! So wie jede einzelne Alltagssituation auch: Nähe zu Menschen oder unbekannte Geräusche aushalten, in ein Auto steigen, sogar über neue Böden laufen... Jedes Detail erfordert Bindungsarbeit, Vertrauen, Geduld.
Auf HOPE können wir nicht alles leisten, denn es ist eine kleine Welt, die nicht einmal die Hälfte der späteren Außenreize spiegelt. Rein personell ist es unmöglich, mit jedem Hund täglich alles zu trainieren. Wenn unsere Schützlinge in ihr Zuhause oder auf ihre Pflegestellen reisen, haben sie so viele Basics wie möglich im Gepäck. Aber es sind keine komplett alltagstauglichen Hunde! Sie haben einen Koffer voller Sorgen bei sich, wenn sie auf HOPE ankommen. Und wir versuchen, sie von möglichst viel Ballast zu befreien. Diese Aufgabe muss unbedingt von den (Pflege)Familien fortgeführt werden. Wir legen die Grundsteine – das Haus bauen müssen jedoch SIE.
HOPE ist für geplante, kurzfristige Aufenthalte konzipiert, zur Ausreisevorbereitung. Selbstverständlich nehmen wir auch Notfälle auf, das gehört zu unseren Aufgaben. Aber unsere Auffangstation ist lediglich als Sprungbrett ins wahre Leben gedacht. Alles basiert auf einem Kommen und Gehen, damit wir noch vielen anderen eine Chance geben können. Es warten unzählige Hunde da draußen auf diesen Moment. Deshalb haben alle unsere Gäste auf HOPE grundsätzlich Prio 1.